Wenn Karriere krank macht
Um mehr Aufmerksamkeit auf das Thema zu lenken, habe ich einen Leserartikel für Die ZEIT online verfasst, der am 3. Juni 2012 erscheinen ist.
Zwei Beispiele von Leistungsträgern zeigen: wer sich verleugnet und verkauft leidet, bis er schließlich innerlich zerbricht. Die Frage ist nicht ob, sondern nur wann. Es geht auch anders, wie das folgende Beispiel mitten aus dem Berufsleben verdeutlicht.
Im Herbst 2011 leitet Thomas (Name geändert) Vorstand eines international aktiven Einzelhandelskonzerns mit 20.000 Mitarbeitern, das Geschäft in Westeuropa. Seine Arbeit macht ihm Freude. Er liebt es, die Menschen im Unternehmen mit Respekt und Fürsorge zu eigenverantwortlichem Handeln und Managen anzuregen. Sein Führungsstil sorgt für beständige Erfolge. Gegenseitige Wertschätzung bestimmt sein Arbeitsverhältnis zu Mitarbeitern und Kollegen. Thomas, 48 Jahre alt, hat sich daran gewöhnt, international reisen zu müssen und sein Privatleben auf kurz bemessene Wochenenden und den Urlaub zu reduzieren.
Seine Arbeitssituation verändert sich schlagartig, als ein neuer CEO das Runder übernimmt. Direkt aus dem Partnersessel eines bekannten Strategieberatungsunternehmens kommend, oktroyiert er seine Arbeitsweisen und Denkmodelle in Vorstand und Unternehmen auf. Der CEO verlangt bedingungslosen Einsatz und terminiert für einen Samstagnachmittag die Vorstandssitzung. Thomas entschuldigt sich, denn an diesem Tag feiert seine Mutter ihren 90. Geburtstag. Der CEO betrachtet dies als Arbeitsverweigerung und beginnt Thomas systematisch durch Anweisungen und in den Urlaub hineinreichende Geschäftstermine unter erhöhten physischen und moralischen Druck zu setzen. Verunsichert und sich in seiner Existenz bedroht fühlend, hält er zunächst durch. Doch sein Körper reagiert in immer kürzeren Abständen mit Migräne und Infekten. Dann handelt der CEO und beendet von heute auf morgen das Arbeitsverhältnis, ohne das Thomas je ein Wort mit einem Mitglied des Aufsichtsrates wechseln kann. Die Menschen im Unternehmen beobachten all dies mit einer Mischung aus Unverständnis und Abscheu. Aber sie fügen sich dem Stil des neuen CEO, denn sie fürchten um ihren Arbeitsplatz. Untereinander sind sie sich einig, dass der neue CEO zwar über kurzfristige Renditesteigerungen glänzen wird, dass Unternehmen sich aber nun auf Talfahrt befindet.
Nach drei Monaten Zuhause ist Thomas wieder in guter körperlicher und seelischer Verfassung. Joggen und Gartenarbeit sorgen dafür, dass der Zorn verfliegt. Zur Ruhe gekommen denkt er darüber nach was ihm wirklich wichtig ist. Thomas entscheidet sich, nicht mehr in die Welt der Vorstandsetagen zurück zu kehren. Die Freiheit, er selbst sein zu können und sich in seiner Arbeit vollständig auszudrücken, steht für ihn an erster Stelle. Diese Freiheit wiegt für ihn höher als der gesellschaftliche Status und das opulente Einkommen, die mit seinem Vorstandsposten verbunden waren. Zumal er in den letzten Monaten feststellte, dass sich auch ein solches Gehalt sehr schnell in gefülltes Schmerzensgeld verwandeln kann. Thomas bereitet nun seine Selbständigkeit vor.
Ihre
Martina Violetta Jung


